REPORT: Das Empathietheater
Shownotes
Unsere Zeit ist brutal. Und an unseren Bühnen wird die Sehnsucht nach Sanftheit immer lauter. Ein neues Theater entsteht: Es will nicht mehr belehren und entlarven, sondern zuhören, berühren und Menschen verbinden. Über Empathie als neue Ästhetik – und die Schönheit als soziales Prinzip.
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00:00:08: Die Reportage von Backstage Classical.
00:00:14: Heute ist Donnerstag der dreißigste September und wir bei Backstage classical haben begonnen unsere großen Essays, unsere langen und ausführlichen Texte auch einzusprechen damit ihr sie unterwegs auf dem Weg zur Arbeit, auf den Weg von der Arbeit in Ruhe hören könnt.
00:00:29: heute geht es um ein Thema das mir ganz besonders wichtig ist.
00:00:34: Immer wieder wird diskutiert über das Regie-Theater, ohne dass wir überhaupt definieren was dieses Regiteater ist.
00:00:42: Eins kann ich sagen es ist wahrscheinlich ein alter Hut!
00:00:45: Denn auf unseren Bühnen erleben wir gerade einen ganz neuen Trend und zwar einen Trend den ich so wunderbar finde weil er das Publikum wieder ernst nimmt und weil das Theater wieder beginnt uns trost zu spenden.
00:00:58: Trost in nicht ganz leichten Zeiten Und deshalb ist es mir eine Freude, euch jetzt unseren neuesten Text vorlesen zu dürfen.
00:01:07: Empathie-Theater statt Regiteater von Axel Brüggemann.
00:01:13: Kein Buch hat mich in den letzten Jahren so bewegt wie Zeit der Mutigen von Dimitri Diniyev.
00:01:20: Wie bewahrte Mensch Anstand in unanständigen Zeiten?
00:01:23: Wie behält er Würde in den Wirren von Kriegen, Gulags und Diktaturen?
00:01:29: Das letzte Mal Gänsehaut in der Oper hatte ich als Vera Lotte Böker, als blutender Halbengel Peri über die Stuhlreihen der hamburgischen Staatsoper entkletterte auf der Suche nach ein bisschen Liebe unter den Menschen im Publikum.
00:01:44: In beiden Fällen bei Dinjev und Kratzer besteht die Schönheit nicht allein in der vollendeten Ästhetik ihrer Kunst sondern darin dass beide die Empathie als Behauptung mitten eine verrückte Welt stellen das sie Boosheit und die Abgründe der Menschen, ihrer Schönheit und Größe gegenüberstellen.
00:02:04: Dass sie unsere Fehlbarkeit als feste Indifferenz inszenieren und dass sie daran glauben das das Gute am Ende eben doch die bessere Geschichte erzählt.
00:02:16: Das ist sich noch lohnt so wie die Obamas zu predigen heizugehen wenn die anderen low spielen.
00:02:24: Diener von Kratzer nutzen die Kunst uns vor Augen zu führen, wie wir selbst im Kleinen, im Alltäglichsten über uns hinauswachsen können.
00:02:43: Jede Zeit hat das Theater dass sie sich sucht.
00:02:46: Unsere Zeit ist brutal und an unseren Bühnen wird die Sehnsucht nach Sanftheit immer lauter.
00:02:52: in den letzten Jahren wurden viele Ästhetiken ausprobiert.
00:02:55: zurück zum Erzähltheater, zum alten Kostüm schinken oder – und das ist die schlechtmöglichste aller Lösungen wie Neulich, Marie-Ave, Signirolls, Kölner Rosenkavalier das hinein pressen alter Stoffe in irgendeine aktualisierte Erzählidee.
00:03:10: In diesem Fall ein Kinodreh.
00:03:12: Aber womöglich erleben wir gerade das Ende eines Theaters der Behauptung und dem Beginn eines Theatres der Beziehung.
00:03:22: All das bedeutet nicht dass das Politische dabei verschwindet.
00:03:25: es verändert lediglich seinen Aggregatzustand.
00:03:27: die Inszenierung muss nicht mehr das gesellschaftliche System, dass hinter einer Opernhandlung steht entlarven.
00:03:33: Stattdessen darf sie wieder fragen – was macht dieses Werk mit uns?
00:03:38: Warum brauchen wir es jetzt?
00:03:39: und was geschieht zwischen den Menschen die heute Abend gemeinsam in diesem Raum sitzen und den Figuren auf der Bühne?
00:03:48: Das neue Theater beschimpft sein Publikum nicht mehr sondern legt jeglicher Auge ganz ab jeden Sarkasmus und jede Überhüblichkeit.
00:03:57: Die Kunst, die uns in diesen Tagen begeistert macht uns nicht fertig.
00:04:02: Sondern sie will uns erheben – nicht übereinander sondern über unsere eigenen
00:04:08: Schwächen.".
00:04:10: Tobias Kratzer spricht gern davon dass sich das Publikum bei ihm ernst und mitgenommen fühlen soll.
00:04:17: Dabei schreckte er nicht vor Blut, vor vergersten Kindern und brutalen Gemetzeln zurück.
00:04:21: im Gegenteil.
00:04:22: Sie bildet wie bei Dinev jenen Zustand ab den es zu überwinden gilt.
00:04:28: Es wäre falsch, empathische Kunst mit Kuscheltheater zu verwechseln.
00:04:32: Empathie mit Kitsch!
00:04:34: Dort wo sie funktioniert ist sie die Hoffnung auf ein gesellschaftliches Miteinander jenseits aller Ideologien.
00:04:43: Dieses Theater begegnet uns inzwischen in ganz unterschiedlichen Ausprägungen bei Barry Koski, wenn er die Körperlichkeit, die Diversität und den Humor in seinem unterhaltsamen Revueen feiert oder?
00:04:54: Bei Lotte de Baer, deren Regiearbeiten handwerklich vielleicht an Grenzen stoßen, deren Arbeit als Intendanten aber das Theater an sich neu denkt.
00:05:02: Sie bewegt ihre kunterbunte Volksoperin Wien seit Jahren weg vom gesellschaftlichem Distinktionsraum hin zu einem unmittelbaren Ort der Vielfalt und der Kommunikation.
00:05:24: Auch Orchester suchen neue Formen der Relevanz, verorten sich immer mehr in den Lebenswirklichkeiten ihres Publikums – die Musik an sich wird zu einer eigenen Qualität zum Instrument der Mitmenschlichkeit.
00:05:37: Das gilt nicht allein für Ensembles wie das Stegreiforchester oder das Orchester im Treppenhaus, die ausdrücklich neue gemeinsame Rituale mit dem Publikum entwickeln wollen.
00:05:47: Das ist auch bei etablierten Ensembles zu beobachten, etwa bei den Berliner Philharmonikern die unter Kirill Petrenko nicht länger denen goldgewickelten Klassiks da in den Vordergrund stellen sondern ihre unangefochten Kunstqualität dafür nutzen all das menschliche verblüffende humanistische und verstörende bei Shostakovich oder Wagner bei Beethoven oder Komponistinnen und Kompонisten unserer Zeit offen zu legen.
00:06:12: Und ein Orchester wie die Wiener Symphoniker sucht ganz bewusst neben musikalischer Qualität auch die Nähe zu seinem Publikum, wenn es in Kneippen bei Open Airs, den Sommerferien im Prater oder der Adventsmusik im Steffans Dom spielt.
00:06:26: Kunst verortet sich wieder bei den Menschen.
00:06:29: Ein Haus interessiert sich plötzlich wieder dafür wo er steht und für wen es eigentlich spielt.
00:06:34: Tobias Kratzer nennt seine Opa ausdrücklich einen Player der Stadt öffnet die Generalproben, schafft Begegnungsräume im Haus und setzt auf Framing-Guides, die dem Publikum offene Fragen beantworten.
00:06:47: Ähnliches betreibt das Theater Basel mit seinem offenen Foyer.
00:06:51: Giorgen Chavard beschreibt sein Haus in Magdeburg als Brückenort der Begegnung.
00:06:56: Er baut Stücke um Lokalhelden wie Tokyo Hotel und gibt eine Oper über die gigantischen Intelpläne an einem Auftrag, die am Ende in der Poésie einer leeren Wiese für Hamster endet.
00:07:08: Kunst könne Empathie erzeugen, sagt Java.
00:07:11: Im Backstage Classical Podcast kann ich euch nur empfehlen.
00:07:15: Gleichzeitig können sie aber auch Widerspruch, Reibung und Polarisierung erzeugend.
00:07:19: die Verordnung der Kunst bei den Menschen ist also eine selbstverständliche Konsequenz der empathischen Kunst.
00:07:26: Es geht schon lange nicht mehr um das politische Theater der vergangenen Jahrzehnte dass sich an der Entlarfung der Kunst erfreut hat daran Hitler hinter Wagner oder Epstein hinter Mozart zu entdecken.
00:07:37: Das neue Theater bellt nicht mehr, ich erkläre Euch die Welt.
00:07:41: Stattdessen bietet es an – Ich schaffe einen Raum in dem Du etwas fühlen entdecken und vielleicht ganz anders sehen
00:07:48: kannst.".
00:07:50: Und gerade damit ist es hochpolitisch in einer Zeit der die Politik der Bühne längst die laute Inszenierung gestohlen hat.
00:07:58: Nur eines kann die politische Inszenierung uns nicht wegnehmen, sagt Shawa Die Poesie.
00:08:03: Und hier liegt vielleicht auch ein Grund, warum sich Kultur gerade neu erfindet.
00:08:07: Sie sieht sich einer Politik gegenüber, deren Geschäftsmodell die Angst zu sein scheint – Die Verunsicherung und die Spaltung der Gesellschaft, der Krach!
00:08:17: Das Theater hält all dem inzwischen das Konzept der Geborgenheit entgegen.
00:08:21: Das große Vertrauen der Kultur scheint wieder im Miteinander zu liegen, in kollektiven Wahrnehmen, in der Gemeinsamkeit des Moments….
00:08:30: Die Anwesenheit an sich bekommt eine gesellschaftliche Bedeutung des ausgeschaltete Handy, die analoge Kunst und die Kommunikation auf Augenhöhe.
00:08:39: All das spricht gerade auch wieder ein junges Publikum an.
00:08:45: Jede Zeit erfindet ihre Ästhetik.
00:08:47: Die Sehnsucht nach Schönheit gab es bereits in den Achtziger Jahren schon einmal.
00:08:52: Damals drückte sie sich allerdings in goldenen Stimmen aus – in der Show der Dreitenöre- und opulenten Ausstattungsschinken!
00:08:59: Dieses Mal geht es um etwas anderes.
00:09:01: Die neue Schönheit kennt die Dekonstruktion und kann sie hinter sich lassen.
00:09:06: Schönheit ist im bänjamenischen Sinne kein Mittel der Zerstreuung mehr, sondern der Sammlung.
00:09:13: Die Schönheit – die lange unter Ideologieverdacht stand – erfindet sich selbst als soziales Prinzip neu und ihr Trick besteht jetzt darin dass sie dabei auf die alte Naivität verzichtet.
00:09:27: Gegenpol und vielleicht Endpunkt einer Entwicklung ist das politische Theater eines Milo Rau.
00:09:33: In ihm radikalisiert sich noch einmal, was das Politische Theater der vergangenen Jahrzehnte geprägt hat – die Überzeugung dass die Bühne die Wirklichkeit entlarven Machtverhältnisse sichtbar machen und Täter und Opfer benennen muss.
00:09:47: Rau schreit mit der schreienden Welt um die Wette.
00:09:50: er vertraut dabei immer auf die moralische Autorität des Theaters.
00:09:55: Seine Bühne will nicht mehr über unsere Welt staunen, sondern über sie richten.
00:10:02: All das war auch einmal revolutionär.
00:10:04: Das alte Regie-Theater zerstörte vermeintliche Gewissheiten es, verschob unsere Perspektiven es, forderte seine Zuschauerinnen und Zuschauer zum Neudenken heraus – doch irgendwann wurde seine eigene Methode.
00:10:15: selbst zur Gewissheit!
00:10:17: Das Andauende aktualisieren und dekonstruieren das Entlarven und das Herstellen irgendeines
00:10:23: Gegenwartbezugs.".
00:10:25: Vielleicht ist Milo Rau auch deshalb weniger der Gegenentwurf zu neuen Theater als der Endpunkt des Alten.
00:10:33: Das neue Theater ist nicht weniger politisch, aber es vertraut wieder mehr – der Kunst an sich, aber auch seinem Publikum.
00:10:41: Es bevormundet nicht sondern bestärkt die eigene Wahrnehmung.
00:10:45: Ausgerechnet in einer Zeit der Schreihelse legt das neue Theater das Megaphone zur Seite nicht weil es nichts mehr zu sagen hätte, Weil es wieder zuhören will.
00:11:07: Das war er der Podcast von Backstage Classical für tägliche News aus der Welt der klassischen Musik.
00:11:13: Schott doch einfach bei uns vorbei auf www.backstageclassical.com und wenn ihr Kommentare, Anregungen, Ideen oder auch Beschwerden habt dann schreibt uns doch einfach unter redaktion at backstageclassical .com.
00:11:27: Wir lesen das natürlich sehr genau und werden das in unsere Arbeits einbeziehen.
00:11:33: Wenn ihr Lust habt und mehr hören wollt, dann abonniert diesen Podcast.
00:11:37: Denn dann hören wir uns schon bald wieder!
00:11:40: Ich freue mich drauf, macht gut haltet die Ohren steif.
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